Begegnung ohne Worte – bei einem Körperarbeit Seminar

Es ist die Abschlussrunde meines zweitägigen Körperarbeit Seminars bei der Lebenshilfe Jena. Ich lege viele bunte Karten auf dem Fußboden aus mit den vielfältigsten Motiven. Jeder in der Runde sucht sich eine oder mehrere Karten aus.  Dabei zählt der jetzige Moment am Ende des Seminars. Jeder lässt sich von seinem Gefühl leiten, hier entscheidet mehr der Bauch als den Kopf… Heute ist die kleine Katze, die sich in der Sonne räkelt, eindeutiger Favorit.
Ich beobachte sie dabei und schaue in entspannte strahlende Gesichter. Wieder einmal ärgere ich mich ein bisschen dass ich kein „Vorher Foto“ gemacht habe. Der Unterschied ist für mich sehr deutlich zu sehen: Menschen, die in ihrem Körper angekommen sind, leuchten von innen heraus. Es ist eine Schönheit, die mich tief beeindruckt. Ich wünsche mir sehr, dass sie dieses Leuchten mit in ihren Alltag nehmen können, um es sich dort etwas leichter, entspannter und angenehmer zu machen.
Ich staune zum wiederholten Male, wie schnell eine Gruppe zusammenwachsen kann. Menschen aus den unterschiedlichen Bereichen, die unterschiedlichsten Charaktere. Und ich frage mich ob es daran liegt, dass wir die letzten beiden Tage hauptsächlich über den Körper kommuniziert haben. Die Welt der Worte ist eine Welt voller Missverständnisse. Wir sagen etwas und glauben, dass unser Gegenüber unsere Worte so versteht wie wir. Dabei lösen die gleichen Worte in ihm völlig andere Bilder, Erinnerungen und Gefühle aus. Die Signale unseres Körpers sind da eindeutiger. Wo der Atem fließt, da sind Vertrauen und Sicherheit. Wenn der Atem stockt, zeigt das Unsicherheit, Angst oder Stress. Anspannung zeigt sich durch Härte, Kälte und Nicht-fühlen-können. Entspannung fühlt sich warm und weich, wohlig und strömend an.
Von Worten wissen wir oft nicht, ob sie ehrlich gemeint sind. Unser Körper ist da viel wahrhaftiger. Seine Signale lügen nie. Wenn wir wieder lernen, ihm zuzuhören, kommen die erstaunlichsten Wahrheiten an die Oberfläche. Und wenn es dann noch jemanden gibt, der bereit ist, unserer Körpersprache zuzuhören, entstehen wahre Begegnungen. Begegnungen voller Achtsamkeit, in denen man einfach da ist, ohne dem anderen seine Erwartungen überzustülpen.
Es war mir ein Vergnügen, den Teilnehmern meines Kurses dabei zuzuschauen, wie sie sich im Laufe der beiden Seminartage begegneten. Wie langsam Anspannung und Aufregung von ihnen abfielen und sie sich auf ein entspanntes Miteinander einließen.
Schon nach einem halben Tag war das Zuschauen bei der Dehnmassage wie eine Art Meditation für mich. Sanfte Musik, Menschen die sich dabei behutsam bewegen, um die Grenzen ihres Gegenübers zu achten. Menschen, die beim Geben genau so viel Spaß entwickeln wie beim Nehmen. Menschen, die dabei auch immer wieder auf ihren eigenen Körper achten und auf die eigenen Grenzen. Denn nur wer in seinem eigenen Körper zu Hause ist, findet Freude an Körperarbeit. Nur wer seine eigenen Grenzen achtet, verletzt auch die Grenzen seines Gegenübers nicht.
Dabei kostet manche ungewohnte Bewegung wie zum Beispiel das Schütteln des ganzen Körpers beim ersten Mal etwas Überwindung und lockte so manchen Teilnehmer aus seiner Komfortzone heraus. Um so mehr freute ich mich darüber, dass einige am Abend nach dem ersten Kurstag die ein oder andere Übung zu Hause mit ihren Liebsten ausprobierten.
Ich frage mich, warum es Körperarbeit nicht als Schulfach gibt. Aus meiner Zeit als Erzieherin im Kindergarten weiß ich, dass es Vorschulkindern noch leicht fällt, über ihren Körper zu kommunizieren. Diese wichtige Fähigkeit scheint ihnen dann im Laufe ihrer Schullaufbahn verloren zu gehen. Es ist schade, dass das Lernen in der Schule nur den Kopf bedient. Warum lernt uns keiner, welche Weisheit in unserem Körper verborgen liegt und wie wir den Zugang zu ihr erhalten? Warum lernt uns niemand, wie schön es ist, sich über den Körper zu begegnen? Warum nimmt uns keiner die Ängste und die Scham, die oft mit unserem Körper verbunden sind?
Eine Seminarteilnehmerin gibt mir die Rückmeldung, dass sie an den beiden Tagen die Angst davor verloren hat, bei der Körperarbeit etwas falsch zu machen. Eine achtsame Berührung aus dem Herzen heraus benötigt keine Technik. Technik hilft lediglich dabei, die anfängliche Unsicherheit zu überwinden.
Ich schaue noch einmal in die strahlenden Gesichter in der Runde und freue mich daran, dass sie diesen Weg ein Stück mit mir gegangen sind. Ich freue mich an der Schönheit, die sie ausstrahlen und hoffe, mir dieses Gefühl ein Stück weit in meinen Alltag mitnehmen zu können.

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