Wie wir einander begegnen

Wenn ich mit Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit unterwegs bin, entstehen oft spontane offene Begegnungen – wie z.B. ein Lächeln, ein Blickkontakt oder die ehrliche Frage eines Kindes.
In den letzten Monaten war ich oft mit einer jungen Frau im Rollstuhl unterwegs, die trotz ihres Erwachsenenalters sehr kindlich wirkt. Sie fährt gerne Straßenbahn und geht auch gerne mit mir einkaufen. Nur eines mag sie nicht, von fremden Menschen spontan angefasst zu werden.
Aber ehrlich gesagt, mag ich das auch nicht. Zumindest nicht auf diese Weise… Bisher ist es auch noch keinem Menschen eingefallen, mir einfach mal so über die Wange zu streicheln. Oder sich spontan meine Hand zu greifen, die auf meinem Beinen liegt. Oder mir ohne Grund die Schulter zu tätscheln.
Die meisten Menschen haben ein gesundes Verhältnis von Nähe und Distanz zu unbekannten Personen. Das hat auch etwas mit Achtung und Respekt vor meinem Gegenüber zu tun. Warum geht diese Form von Respekt bei vielen Menschen verloren, wenn sie einen Menschen mit Behinderung vor sich haben? Oder ein Kind? Dann wird oft munter drauf los getätschelt in der Annahme, dass Kinder und Menschen mit Behinderung diese Art von Fürsorglichkeit wünschen.
Und das in einer sonst so berührungsfreien Gesellschaft. Benutzen wir scheinbar hilflose Geschöpfe, um unseren Hunger nach liebevoller Berührung zu stillen?
Ja, wir alle brauchen Berührung, um uns wohl zu fühlen und um zu überleben. Ungeborene Babies sind umhüllt von Berührung, sie spüren jede Bewegung der Mutter, sie fühlen ihren Herzschlag, längst bevor sie ihn hören können. Das warme Fruchtwasser streichelt ihre Haut bei jeder kleinsten Aktion. Und dann werden sie in diese Welt hinein geboren. Ohne Berührung könnten sie hier nicht überleben, also schreien sie danach. Wenn sie das Glück hatten, in ein liebevolles Umfeld hinein geboren zu sein, dann wird ihr Schrei nach Nähe gehört und ihr Hunger nach Kontakt liebevoll gestillt.
Vielleicht erinnern uns ja Kinder oder Menschen die kindlich wirken und z. B. auch Tierkinder an diese Zeit, wo unser natürliches Bedürfnis nach Berührung noch erhört wurde. An eine Zeit, in der wir noch eins waren mit unserem Körper und genau spürten, was ihm fehlte. In der wir bereit waren, so lange zu schreien, bis unser Hunger danach gestillt wurde.
In uns allen lebt noch dieses Kind, das weiß was seinem Körper gut tut und was nicht. Vielleicht hat es später erfahren, dass Berührung nicht immer erwünscht war und abgelehnt wurde. Sehr wahrscheinlich hat es erfahren, wie sich unachtsame Berührung anfühlt. Und es erlebte immer wieder Situationen wo es sich für die Bedürfnisse seines Körpers schämen sollte. Auch diese Erfahrungen tragen wir heute noch in uns. Sie halten uns davon ab, achtsam aufeinander zu zugehen. Dabei ist es doch möglich, herauszufinden ob der Mensch vor mir gerade berührt werden möchte und auf welche Weise.
Ich gehe auf mein Gegenüber zu und schaue dem Menschen vor mir in die Augen. Ich spüre dabei meinen eigenen Körper und wie es mir dabei geht. Wenn ich so präsent bin und mich selbst spüren kann, dann empfange ich auch automatisch die Signale der Person vor mir. Dann erspüre ich was sich gerade richtig anfühlt und zwar für uns beide: ein freundliches Nicken, eine gereichte Hand, eine sanfte Umarmung oder vielleicht noch etwas ganz anderes…

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