Was bringe ich zum Klingen?

Als wir heute morgen unseren Obstsalat aus großen Weingläsern löffelten, fiel mir eine Fabel ein, die ich aus der Schule kenne. Der Fuchs lädt den Storch zum Essen ein. Er kocht leckeren Brei. Da er dem Storch ein Schnippchen schlagen will, streicht er den Brei auf zwei flache Teller. Der Storch pickt mit seinem langen Schnabel auf dem Teller herum ohne dass er etwas von dem Brei hinein bekommt. Der Fuchs hat seinen Teller schnell leer geleckt und fragt scheinheilig: „Und Gefatter Storch, hat es dir geschmeckt?“ Der Storch will sich nicht blamieren und bejaht die Frage. Vielleicht schämt er sich auch ein wenig wegen seiner Unfähigkeit, vom Teller zu essen. Hungrig fliegt er nach Hause und beschließt, es dem Fuchs gleich zu tun. Am nächsten Tag lädt er diesen zu sich nach Hause ein. Er kocht leckere Suppe und füllt diese in hohe Karaffen mit einem sehr schmalen Hals. So sehr der Fuchs auch um die Karaffe mit der duftenden Suppe herum streicht, er bekommt seine dicke Schnauze nicht hinein. Der Storch jedoch hat die Mahlzeit mit Hilfe seines langen Schnabels schnell vertilgt. Er grinst den Fuchs an und fragt, wie es diesem gemundet hat. Auch der Fuchs versucht sich nichts anmerken zu lassen und lobt den Storch als großen Koch. Doch auch er verlässt den Festschmaus mit knurrendem Magen. Und dem Gefühl des Versagens.
Das Ende der Geschichte ist, dass die Begegnung beide Lebewesen enttäuscht. Beim Abschied haben sie sich nichts anmerken lassen, aber auf dem Heimweg wächst in ihnen der Groll gegen den Anderen und die Ungerechtigkeit der Welt. Kommt dir das bekannt vor?
Die Fabel erzählt, wie sich Fuchs und Storch gegenseitig ihre Unzulänglichkeiten und Schwächen „aufs Brot schmieren“. Mit dem Ergebnis, dass sich ihr Gast wieder mal nicht gut genug fühlt.
Spätestens dieses Gefühl dürfte dem ein oder anderen bekannt vorkommen. Mir schon. Ich bin nicht gut genug, ist ein Glaubenssatz, den viele Menschen in sich tragen. Er entstand in der Kindheit als unsere Eltern oder andere enge Bezugspersonen betonten, was wir nicht können. Wir wurden für unsere Missgeschicke und Fehler geschimpft, ausgelacht, mit Kopfschütteln oder anderen abwertenden Gesten bedacht. Diese Reaktionen lösten das schmerzhafte Gefühl in uns aus, einfach nicht gut genug zu sein, um Zuwendung und Liebe zu verdienen. Dass dieses Gefühl erst erlernt wird, hat mir meine Enkelin deutlich gezeigt. Beim Laufen lernen fiel sie nach jedem dritten Schritt auf ihren Po. Erstaunt beobachtete ich, wie sie ganz selbstverständlich wieder aufstand, ohne das kleinste Anzeichen von Unmut, Ungeduld oder Resignation. Es hatte ihr noch niemand gesagt oder signalisiert, dass ihr Hinfallen schlecht ist. Für sie gehörte es zum Laufen lernen einfach dazu.
Nun zurück zu uns Erwachsenen. Wenn wir dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein, tief in uns tragen (manchmal so tief versteckt, dass es uns nicht mal bewusst ist), dann ist das wie eine innere Stimmgabel. Sobald uns jemand auf eine bestimmte (bekannte) Weise kritisiert, beginnt sie zu schwingen. Manchmal schlagen wir diese Stimmgabel beim Anderen auch unbewusst an, zum Beispiel durch ein Kopfschütteln, ein Stirnrunzeln oder ein (körperliches) Abwenden.
Genauso kann ich bewusst eine andere innere Stimmgabel anschlagen, eine die positive Schwingungen erzeugt, zum Beispiel mit einem Lächeln, einem freundlichen Wort oder einer Berührung, die von Herzen kommt. Diese Stimmgabel heißt: Du bist willkommen. Und das Lächeln, welches dann zu mir zurück kommt, bringt wiederum in mir etwas zum Klingen. Ich mag das warme Strömen in meinem Bauch, welches ein echtes Lächeln bei mir auslöst. Oder ein ehrlich gemeinter Händedruck. Ein offener Blick. Oder eine Umarmung, in der ich den anderen wirklich spüren kann. Voller Dankbarkeit lade ich diese Gesten in mein Leben ein.
Dazu fällt mir noch eine andere Geschichte ein, die ich aus einem Lied von Gerhard Schöne kenne: die Geschichte von Himmel und Hölle. Es waren einmal zwei Säle, in denen Menschen vor einem vollen Topf mit dampfender Suppe saßen. In beiden Sälen gab es nur sehr lange Kellen. Im ersten Saal weinten die Menschen, schrien vor Hunger oder lagen apathisch herum. Sie hatten es immer wieder versucht, aber sie erreichten mit den viel zu langen Kellen nie ihren Mund. Das musste wohl die Hölle sein. Aus dem zweiten Saal dagegen drang Gelächter herüber und zufriedenes Gemurmel. Hier fütterten sich die Menschen gegenseitig mit den langen Kellen.
Wir haben beides in uns gespeichert: Hölle und Himmel!

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