Mein Schattenkind

Es sind schon immer die seltsamen Kinder, die mich in ihren Bann ziehen, die mich mit ihrer Art berühren und zu denen ich mich hingezogen fühle. Fast so als ob sie nach mir rufen. Kinder, die im Schatten stehen. Kinder, die in ihrer eigenen Welt leben, den Blick verträumt oder trotzig nach innen gerichtet. Kinder, die nicht wirklich dazugehören. Sie wirken fast wie von einem anderen Stern.

Ich war selbst ein seltsames Kind. Schüchtern, völlig in mich gekehrt. Meine Augen waren von dunklen Augenringen untermalt, ihr Blick war stets nach innen gerichtet, obwohl meine Antennen immer nach außen zeigten. Antennen die jede noch so kleine Erschütterung der Außenwelt empfingen, um mich danach auszurichten. Und doch war ich immer anders als andere Kinder und gehörte nie richtig dazu. Ich war wie ein Blitzableiter, der die elektrischen Spannungen abfing und zur Erde leitete.

So ein Blitzableiter wird immer an der Außenseite des Hauses installiert, nie innen, das wäre zu gefährlich. So blieb ich immer außen vor und das aus verschiedenen Gründen. Die Themen, welche im Haus besprochen wurden, interessierten mich nicht, prallten an meiner Oberfläche ab, berührten mich kaum in meinem Inneren, da wo ich zu Hause war. Ich hatte nichts hinzuzufügen und selbst wenn ich es gekonnt hätte, keiner hätte es hören wollen. So ein Blitzableiter gibt den Menschen um ihn herum Sicherheit, aber bitte auf Distanz, damit sich keiner die Finger verbrennt oder einen schmerzhaften Stromschlag einfängt. Und umgekehrt hatte ich das Gefühl, dass die Dinge, von denen ich träumte, keinen interessierten. Mochten sie auch noch so magisch bunt und fesselnd für mich selbst sein, die da drinnen im Haus würden nur darüber lachen. Und ich mochte es nicht, ausgelacht zu werden. Also verbarg ich meinen Schatz und träumte weiter allein vor mich hin, wenn ich nicht gerade damit beschäftigt war, Blitze abzuleiten.

Um so ein Blitzableiter zu sein, musste ich mich im Außen ganz fest und undurchlässig machen, indem ich alle meine Muskeln fest anspannte. Ich krallte meine Zehen ein, krampfte meine Oberschenkel zusammen, fror mein Becken ein, streckte den Rücken durch, zog meine Schultern weit nach oben, biss die Zähne eisern aufeinander und kniff meine Augen fest zusammen. Und wenn das nicht ging dann lernte ich zu sehen, ohne hinzusehen, mit völlig leerem Blick. Bis heute ist mir dieses Muskelkorsett geblieben, ein fester Panzer aus bis zum Zerreißen angespannten Muskeln und Sehnen. Selbst in der Nacht sind meine Kiefer so fest geschlossen, dass ich garantiert keine Fliege verschlucke. Manchmal wache ich morgens auf und meine Glieder schmerzen von der Anspannung der Nacht. Oder mein Nacken lässt sich kaum noch drehen. Ein Schmerz aus meiner Kindheit, der endlich gespürt werden will. Das Schattenkind in mir, das immer noch versucht, alle Blitze auf sich zu ziehen und gründlich abzuleiten. Das sich schuldig fühlt, wenn es mal einen Blitz nicht erwischt und die Welt nicht retten kann. Das Mitgefühl für alle Seltsamen und Hilflosen hat und sich selbst dabei vergisst.

Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich mein Schattenkind zum ersten Mal an die Hand genommen, um ihm eine neue Welt zu zeigen. Das ist gar nicht so einfach, denn es passt auch heute noch nicht in diese laute grelle Welt. Es ist geblendet, und wagt noch nicht richtig hinzuschauen. Seine Augen haben gelernt, die Konturen verfließen zu lassen, damit sie weniger bedrohlich erscheinen. Doch ab jetzt steht es unter meinem Schutz. Es schaut mich fragend an und zögerlich macht es seine ersten Schritte nach außen. Immer wieder versteckt es sich hinter meinen Beinen. Vertrauen kann erst wachsen, wenn sich nach und nach die neu gemachten Erfahrungen von Sichersein aneinanderreihen. Solche Erfahrungen aber brauchen einen Vorschuss an Mut, sich immer wieder einen kleinen Schritt in die Unsicherheit zu wagen. Und es braucht auf jeden Fall die Erwachsene in mir, deren Handeln dem verängstigten Kind Schutz und Verlässlichkeit signalisiert. Ein Kind, das so lange im Schatten gelebt hat, hat große Angst davor, ins Licht zu treten. Aber ich habe ihm versprochen, geduldig zu sein. Es darf sich so lange hinter meinen Beinen verstecken wie es will. Und ich spüre immer öfter, wie es neugierig hervorlugt. Ich mag sein Lachen und seine verspielten Bewegungen. Ab und zu lässt es sogar schon seine wunderschöne Stimme hören und überrascht mich mit klugen Bemerkungen. Und für den Bruchteil einer Sekunde sehe ich die Welt um mich herum in klaren Bildern. Bis die Angst wieder alles verwischt.

Trotzdem bin ich dankbar für diese Augenblicke, denn sie machen mir Mut. Mut hinzuschauen und hinzuspüren, wo ich in der Angst meines Schattenkindes gefangen bin. Es mit seiner Angst zu umarmen, an Tagen, die trüb und kalt sind, an denen das Hinausgehen schwerfällt. Dann male ich uns einen Hoffnungsschimmer mit Wasserfarben aufs Papier oder stimme ein Liedchen an. Und kaum ist dort ein bunter Regenbogen entstanden, lugt mein Schattenkind auch schon wieder neugierig hervor. Seine Neugier und seine Freude an den schönen Dingen des Lebens, am Singen, Tanzen, Malen und Schreiben bringt uns immer wieder in einen guten Kontakt zueinander. Seit ich das weiß, schaffe ich uns Räume dafür. Auch an Tagen, an denen ich müde und gestresst bin. Manchmal sind diese Zeitfenster klein, aber trotzdem sehr wertvoll.

Was mein Schattenkind aber am meisten braucht ist, berührt zu werden. Kein beiläufiger Händedruck, kein flüchtiges Streicheln, kein gönnerhaftes Schulterklopfen. Wahrhafte präsente Berührung, die ihm genügend Raum lässt sich selbst zu spüren. Berührung, die nichts erreichen oder verändern will, ein Kontakt auf gleicher Augenhöhe, danach sehnt es sich. Ich glaube, erst dadurch habe ich das Kind in mir wiederentdeckt. Als ich vor 13 Jahren das erste Mal Jahara erleben durfte. So sanft gehalten, vom warmen Wasser sicher getragen und umhüllt hat es zum ersten Mal wieder aufgeatmet und zaghaft angeklopft. Und tief berührt von diesem Moment, in dem ich gespürt habe, dass unter meinem starken Panzer aus Muskelspannung etwas in mir drin ganz heil und lebendig und schützenswert ist und ans Licht will, habe ich meinen Weg begonnen. Ich habe mein Schattenkind an die Hand genommen und wir sind losgezogen auf der Suche nach Momenten, die uns wirklich berühren.

So darf sich mein Panzer nach und nach lösen. Auch hier bleibt mir nichts anderes übrig als geduldig zu sein. Eine Mauer aus vielen Jahrzehnten kann nicht über Nacht verschwinden. Aber ich spüre, wie sie bröckelt und ich von Tag zu Tag freier werde. Dadurch entsteht Freiraum für das lebendige Kind. So kommt es immer wieder spontan aus seiner Deckung heraus und zeigt sich. Es beginnt sich zu recken und zu strecken, dabei laut zu gähnen oder genussvoll zu stöhnen. Zuerst einmal bei Menschen, bei denen es sich sicher fühlt. Aber inzwischen auch schon mal mitten auf der Straße. Und danach lächeln wir uns schelmisch zu.

Vor allem die achtsamen Massagen meiner Tochter Alice in den letzten Wochen haben meinem Körper Gelegenheit gegeben, immer wieder Teile meines Panzers abzulegen, die ich nun nicht mehr brauche. Ich spüre vor allem beim Ausatmen wie meine Schultern jetzt weiter nach unten sinken, wie sich der große Lendenmuskel, der übrigens auch als Muskel der Seele bezeichnet wird und der sich bei Angst fest zusammenzieht, löst und die Spannung in meinem unteren Rücken weicht. Beim Yoga merke ich, dass sich mein Becken weiter öffnet, obwohl ich gar nicht viel Gelegenheit zum Praktizieren hatte. Allein das neu gewonnene Vertrauen lässt meinen Schutzwall schmelzen und mein Körper gibt von allein nach, er genießt es förmlich, sich in die Dehnung hinein zu entspannen. Und mein lebendiges Kind nutzt diesen neu gewonnenen Raum, um aus dem Schatten heraus zu treten und sich nach Herzenslust zu bewegen. Zunächst noch etwas verschämt, manchmal schon stürmisch und frei. Und für jeden dieser Schritte in die Freiheit, auch für die winzig kleinen gönnen wir uns danach ein Augenzwinkern oder ein High five.

 

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