Der Selbstheilungsnerv

Wusstest du, dass die Art und Weise, wie wir auf Stress reagieren hauptsächlich vom Zustand unseres autonomen Nervensystems abhängt? Dass innere Getriebenheit, lähmende Angst oder überwältigende Traurigkeit meist keine psychischen sondern biologische Reaktionen sind?

Um uns zu schützen, verfügt unser autonomes Nervensystem über die folgenden drei Regelkreise:

  1. Das soziale Nervensystem bestehend aus dem vorderen (ventralen) Vagusnerv und vier weiteren Hirnnerven 

Dies ist der entwicklungsgeschichtlich jüngste Regelkreis, der soziale Interaktion innerhalb unserer „Herde“ möglich macht.  Voraussetzung dafür ist, dass wir uns sicher fühlen.

Ist der vordere Vagusnerv aktiviert, sind wir entspannt und bereit für Kontakt und Kommunikation mit anderen Menschen. In diesem Zustand können wir Freude, Zufriedenheit und Liebe fühlen. Unserem Körper stehen alle Ressourcen für seine Weiterentwicklung, für das Lernen von Neuem und für Heilungsprozesse zur Verfügung. Deshalb wird der Vagusnerv auch als Selbstheilungsnerv bezeichnet.

  1. Das sympathische Nervensystem 

Dieser Schaltkreis wird aktiviert, wenn wir uns bedroht fühlen. Unser Körper ist voller Energie und bereit, zu kämpfen oder zu fliehen. Der Herzschlag, die Atmung und die Muskelspannung sind erhöht, wogegen das Immunsystem und die Eiweißsynthese heruntergefahren werden. Alle Energiereserven werden für die Verteidigung unseres Lebens benötigt.

Ist der Kampf-Flucht-Modus aktiv, interpretieren wir selbst neutrale Gesichtszüge oder Worte als Angriff, da das soziale Nervensystem durch den Sympathikus gehemmt wird.

  1. Der hintere Vagusast 

Dieser Regelkreis ist der entwicklungsgeschichtlich älteste. Schon Reptilien besitzen ihn. Eine vom Nervensystem als übermächtig empfundene Bedrohung, die weder Kampf noch Flucht zulässt, lässt uns erstarren. Vergleichbar einem Tier, dass sich totstellt, um zu überleben. Um uns zu schützen, fährt unser autonomes Nervensystem alle Prozesse wie Atmung, Herzschlag und Muskelspannung so weit wie möglich herunter.

In diesem Zustand fühlen wir uns hilflos, abgeschnitten, ohne Hoffnung, apathisch oder depressiv. Unsere Fähigkeit mit anderen zu kommunizieren ist stark eingeschränkt, da das soziale Nervensystem nun fast vollständig abgeschaltet ist.

Ein gesundes autonomes Nervensystem schaltet zwischen diesen drei Regelkreisen je nach Bedarf hin und her. Es versucht jedoch immer zuerst über den vorderen Vagusnerv zu reagieren, um die Fähigkeit zur sozialen Interaktion zu erhalten. Denn die Menschen um uns herum, unsere „Herde“ stellen eine wichtige Ressource für unsere Sicherheit und unser Überleben dar. Im Regelkreis des sozialen Nervensystems sorgt die sogenannte Vagusbremse dafür, dass Erregung möglich ist ohne den sozialen Kontakt zu verlieren. Wir können z. B. einem geliebten Menschen unsere Grenzen aufzeigen, ohne zu kämpfen, zu fliehen oder zu erstarren.

Es kann jedoch sein, dass unser autonomes Nervensystem bedingt durch anhaltenden Stress, unsichere Bindungserfahrungen oder Trauma einen der beiden letzten Regelkreise bevorzugt. Es verweilt dann dauerhaft im Zustand von Flucht, Kampf oder Erstarrung. Die Symptome dafür können sehr unterschiedlich sein:

  • verspannte, verhärtete Muskeln
  • Schmerzen in Nacken- und Schultermuskulatur
  • Migräne
  • Rückenschmerzen
  • fest zusammengebissene Zähne
  • nächtliches Zähneknirschen
  • Verspannung von Augen- und Gesichtsmuskeln
  • kalte Hände und Füße
  • grundloses Schwitzen
  • Arthritis
  • Schwindel/ Benommenheit
  • Kloß im Hals
  • Nervosität/ Reizbarkeit, Groll
  • Hoffnungslosigkeit
  • Energiemangel
  • häufiges Weinen
  • Ängstlichkeit
  • Schweregefühl
  • depressive Phasen
  • Albträume
  • Ruhelosigkeit
  • Schlafstörungen
  • sexuelle Unlust
  • Frustration
  • Dissoziation
  • Brustschmerzen
  • Asthma
  • Hyperventilation
  • Kurzatmigkeit
  • Herzrhythmusstörungen
  • Bluthochdruck
  • Verdauungsstörungen
  • Verstopfung
  • Dickdarmreizung
  • Durchfall
  • Magenprobleme
  • Übersäuerung
  • Geschwüre
  • Sodbrennen
  • Appetitlosigkeit
  • übermäßiges Essen
  • Infektanfälligkeit
  • Allergien
  • Hautprobleme
  • Menstruationsschmerzen
  • häufige Unfälle, Verletzungen
  • vermehrtes Trinken oder Rauchen
  • Medikamentenmissbrauch
  • Autismus
  • ADHS
  • übermäßiges Misstrauen
  • mangelnde Kompromissbereitschaft
  • Isolation
  • Überbesorgtsein
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Vergesslichkeit
  • Gedächtnisprobleme
  • Entscheidungsunfähigkeit

Die gute Nachricht ist, es gibt einen Ausweg aus dieser Sackgasse. Unser autonomes Nervensystem ist in der Lage, das natürliche Pendeln zwischen den einzelnen Zuständen wieder neu zu erlernen. Voraussetzung dafür ist, dass wir wieder Sicherheit spüren, und zwar nicht nur im Kopf, sondern vor allem in unserem Körper. Denn das ist eine Sicherheit, die wir immer bei uns haben.

Wer jetzt neugierig geworden ist, dem empfehle ich das Buch „Der Selbstheilungsnerv“ von Stanley Rosenberg.  Hier findest du interessante Erläuterungen zum autonomen Nervensystem und zahlreiche Fallbeispiele, aber vor allem auch acht einfach durchzuführende Übungen, um den Vagusnerv anzuregen. Diese hat der Körpertherapeut Rosenberg selbst entwickelt und langjährig in seiner Praxis mit Erfolg angewendet. Viel Spaß beim Ausprobieren!

Eine einfache aber sehr wirkungsvolle Möglichkeit, das soziale Nervensystem zu aktivieren, ist die Entspannung der tiefen Nackenmuskeln am Hinterhauptbein. Denn darunter, im Hirnstamm entspringen die Hirnnerven, also auch der Vagusnerv. Die Jahara Kopfhaltung (TCS) setzt genau dort an. Während der gesamten Wassersitzung erfolgt ein sanfter aber stetiger Zug auf diese Muskeln. Dadurch finden die beiden oberen Wirbel, Atlas und Axis wieder in eine gesunde Position. Die Wirbelarterie kann frei fließen und der Hirnstamm wird wieder ausreichend versorgt, wodurch sich eine sofortige Besserung vieler Symptome einstellt. Diese entspannende und befreiende Wirkung habe ich beim Jahara oft spüren dürfen oder auch bei anderen Menschen beobachten können. Jetzt verstehe ich nachträglich was da in meinem Körper und meinem Nervensystem passiert während ich gut gehalten im Wasser dahin schwebe.

Zusätzlich unterstützt das Gefühl des Gehaltenseins unser Nervensystem bei der Koregulation. Das Erleben einer sicheren Bindung zu mindestens einer zuverlässigen Person in unserem Umfeld kann negative Bindungserfahrungen aus der Kindheit überschreiben. Sicherheit wird vom Nervensystem neu gelernt.

Bild: Alice Rauch

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