Selbstliebe verkörpern

Schon morgens beim ersten Klingeln des Weckers fühlst du dich erschöpft und ausgelaugt. Wieder einmal fällt es dir schwer aufzustehen. Es gelingt dir nicht, den Tag mit positiven Gedanken zu beginnen. Dabei hattest du dir das doch so fest vorgenommen. Dein Tagespensum kommt dir in den Sinn und du schiebst es wie eine schwere Last vor dir her. Eine Last voller Notwendigkeiten und ungelöster Probleme. Und schon fängst du an, dich selbst für deine negativen Gedanken zu verurteilen. Du fühlst dich unzufrieden und deinen Aufgaben nicht gewachsen. Unzureichend und nicht gut genug. Schlimmstenfalls beschimpfst du dich innerlich als VersagerIn, noch bevor du das Bett verlassen hast. Um dich abzulenken, schaltest du dein Handy ein und checkst die Nachrichten oder deine Social Media Accounts. So verrinnt die kostbare Zeit des Morgens, die du doch eigentlich nutzen wolltest, um zu meditieren und positiv in den neuen Tag zu starten.
Ist dir das schon mal passiert? Oder fängt in letzter Zeit fast jeder Morgen so oder so ähnlich für dich an? Wenn dein Tag so begonnen hat, gelingt es dir in seinem Verlauf selten aus dem Hamsterrad der negativen Gedanken auszusteigen. Dein Alltag ist voller Hindernisse, die dich mutlos machen. Oder sogar voller Stolperfallen, die dich am Weiterkommen hindern. Mit deiner Aufgabenliste kommst du nur mühsam voran. Aber das schlimmste ist, dass du wenn deine Arbeit die verdienten Früchte trägt diese nicht genießen kannst. Der lang ersehnte und oft hart erarbeitete Erfolg schmeckt auf einmal schal und die Freude die jetzt in dir aufsteigen sollte ist irgendwo in deinem Körper stecken geblieben. Du kannst sie nicht fühlen, geschweige denn auskosten. Wolltest du diesen Moment, auf den du so lange gewartet hast, nicht genießen und ausgiebig feiern? Vor Freude tanzen? Stattdessen denkst du daran, welche Einzelheiten nicht optimal gelaufen sind und wie du das Ganze noch verbessern kannst. Oder an die nächste Aufgabe. Und wieder beginnen deine Gedanken dich dafür zu verurteilen, dass du so undankbar bist. Du fühlst dich gehetzt, unter Druck gesetzt.
Das Leben (oder sollte ich besser Überleben schreiben?) kostet dich so viel Kraft, dass du abends nur noch auf dein Sofa fällst und dich von Netflix Serien einlullen lässt. Vielleicht vernachlässigst du deine Familie und deine Freunde und hast deshalb ein schlechtes Gewissen. Oder du betäubst dich mit Alkohol, Zigaretten, Essen. Du lechzt nach Entspannung, aber sie will sich nicht einstellen. Genauso wenig wie ein erholsamer Schlaf. Dabei hättest du ihn doch bitter nötig, um den morgigen Tag zu überstehen…
Kommt dir das bekannt vor? Fühlst du dich auch so gefangen in deinen Abläufen und den zugehörigen Gedanken? Spürst du dass der Schlüssel zu deinem Glück die Selbstliebe sein könnte, doch anstatt dich zu lieben und nachsichtig mit dir selbst zu sein, verurteilst du dich nur dafür, dass es dir nicht gelingt? Hast du schon viele verschiedene Techniken der Selbstoptimierung ausprobiert und nichts davon hat dich nachhaltig vorangebracht?
Hast du schon einige Kurse besucht und unzählige Bücher gelesen? Hast du Wissen über Wissen in deinem Kopf angehäuft? Trotzdem gelingt es dir nicht, all die guten Gedanken in dein Leben zu integrieren? Im Gegenteil, du hast das Gefühl, dass Lösungen, die bei anderen Menschen scheinbar funktionieren, bei dir auf unfruchtbaren Boden fallen?
Die entscheidende Frage ist: Wann hast du aufgehört dich wirklich zu spüren? Vielleicht denkst du jetzt, was soll diese Frage? Du weißt dass du einen Körper hast und er scheint auch ganz gut zu funktionieren solange du deinen Arbeitsalltag bewältigst. Vielleicht gehst du sogar joggen oder ins Fitnessstudio. Aber ich meinte nicht das Benutzen deines Körpers und deiner Gefühle, ich meinte wirklich spüren. Wie oft am Tag fühlst du, wie dein Atem einströmt und wie er deine Lungen füllt? Spürst du die Erleichterung, wenn der Atem wieder aus deinen Lungen herausfließt und wie sie sich leeren bevor wieder neue Luft nachströmt? Wie oft erlebst du den Wind oder die Sonne auf deiner Haut? Wie fühlen sich deine Muskeln in den Beinen beim Gehen an? Wie spürst du deine Füße wenn sie auf der Erde stehen? Wie fühlen sich deine Hände an wenn du wütend bist? Was passiert in deinem Bauch wenn du dich freust? Wann hast du zum letzten Mal getanzt und wie fühlten sich deine Schultern dabei an? Wann hast du zum letzten Mal Tränen gelacht? Und vor Aufregung gezittert? Welches deiner großartigen Körperteile hat dabei am meisten gezittert und wie schnell? Wo im Körper spürst du Angst? Traurigkeit? Mitgefühl? Lebendigkeit? Spürst du das Vibrieren deiner Zellen? Ein Strömen, ein Kribbeln, Wärme, Kälte, Schmerz?
Leider nehmen viele Menschen ihren Körper wirklich nur noch wahr, wenn er schmerzt. Wenn er also schon dabei ist Notsignale zu senden. Und dann betäuben wir ihn mit Schmerztabletten oder anderen Dingen. Dabei ist unser Körper viel mehr als ein lästiges „Fleischklöpschen“, das wir mit uns herum schleppen. Er ist ein wunderbares Instrument. Wenn wir lernen, ihm wirklich zuzuhören haben wir den ersten Schritt in ein erfülltes Leben getan. Heraus aus dem Kopf, heraus aus dem Gedankenkarussell. Hinein in lebendiges Spüren. Nicht nur unser Kopf, auch unser Körper spricht ständig mit uns, er sendet uns in jedem Augenblick unseres Lebens Signale. Wir müssen nur wieder auf Empfang gehen. Das ist nicht schwer, jedes kleine Kind beherrscht es. Und verlernt es später leider wieder. Aber die gute Nachricht ist, dass wir die Sprache unseres Körpers wieder auffrischen können. Wer endlich aus dem Hamsterrad aussteigen will, braucht dafür seinen Körper, denn nur auf diesem Weg erreichen wir unser Nervensystem. Wenn es uns gelingt, unseren Körper und seine Bedürfnisse wieder wahrzunehmen, dann können wir Sicherheit in uns selbst finden statt sie im Außen zu suchen. Unser Nervensystem verlässt den Kampf- oder Fluchtmodus, in dem wir uns viel zu oft befinden und schaltet in einen Modus um, in welchem Entwicklung und Wachstum möglich sind. Auf diesem Fundament entsteht persönliche Freiheit. Wer in seinem Körper zu Hause ist, der ist auch in seinem Leben zu Hause. Wer die Verantwortung für seine Gefühle übernimmt, der schafft die Grundlage für ein selbstbestimmtes freies Leben. Ein Leben von innen heraus, das uns erfüllt und glücklich macht. Ein Leben, in dem es uns gelingt, den einzelnen Augenblick wieder zu genießen. Ein Leben, in dem wir mit Leichtigkeit die wesentlichen Dinge von den unwesentlichen Dingen zu unterscheiden.
Es gibt noch eine zweite gute Nachricht. Das Erlernen von Verkörperung ist nicht schwer, kinderleicht sogar. Von Kindern können wir uns diesbezüglich übrigens viel abschauen, aber dazu später mehr. Es erfordert nur etwas Übung wie jede Sache, die erlernt bzw. wieder erlernt werden will. Ähnlich wie beim Einüben einer Sportart, beim Erlernen eines Tanzes oder beim Auffrischen von Sprachkenntnissen. Nur viel einfacher. Weil wir die Sprache unseres Körpers und unseres Nervensystems schon kennen. Sie ist in unseren Nervenzellen gespeichert und wartet darauf, von uns wieder neu entdeckt und erweckt zu werden. Mit ein paar kleinen Übungen, Tricks und Kniffen, die wir in die tägliche Routine einbauen können. So wie Zähneputzen. Nur mit viel mehr Spaß. Dem Spaß, der dabei entsteht, wenn du dir deine eigene Lebendigkeit zurück eroberst. Du hast Lust auf ein Leben in dem du dich wieder zu Hause fühlst?
Wollen wir unseren Körper und damit unsere Gefühle und Gedanken positiv beeinflussen, kommen wir am Vagusnerv nicht vorbei. Gerade in den letzten Jahren gewann er an Popularität im Bereich Persönlichkeitsentwicklung.
Der Vagus ist der Hauptnerv des Parasympathikus und daher verantwortlich für alle entspannten Zustände unseres Körpers. Ist der Vagusnerv aktiv, dann ist unser Nervensystem bereit, das Erlernen von neuem Verhalten und neuen Denkmustern zu ermöglichen. Der Vagus verbindet unser Gehirn mit einem Großteil unseres Körpers insbesondere mit dem Herzen. Eine seiner wichtigsten Eigenschaften ist es, dass er Signale nicht nur vom Gehirn in den Körper leitet sondern zum größten Teil auf umgekehrten Wege, also vom Körper ins Gehirn. Das heißt vereinfacht gesagt, dass unsere körperlichen Zustände die Entscheidungen des Gehirns wesentlich mehr beeinflussen als umgekehrt. Wissenschaftliche Untersuchungen sprechen inzwischen von einem Verhältnis von 8:1. Und genau hier liegt die Ursache dafür, dass sich unser Leben allein durch positive Gedanken oder Glaubenssätze nicht verändert. Bleibende Veränderungen erreichen wir nur wenn es uns gelingt, unseren Körper in einen positiven Zustand zu versetzen. Und hierbei ist es durchaus erlaubt, in die Trickkiste zu greifen. Wir nennen das „so tun als ob“ oder wer es lieber auf Englisch mag: „fake ist until you make it“.
Eine einfache Übung, die du sofort ausprobieren kannst, ist das gefakte Lächeln. Du möchtest einen negativen Zustand in einen positiven verwandeln? Dann ziehe deine Mundwinkel nach oben als würdest du lächeln. Das fühlt sich erst einmal sehr komisch an und darf auch ruhig bescheuert aussehen. Kleiner Tipp: Wenn du nicht alleine bist ziehst du dich am besten für 3 Minuten aufs stille Örtchen zurück. Was das bringen soll? Probiere es bitte aus! Die Nervenenden im Gesicht registrieren die Muskelbewegung, welche dem echten Lächeln entspricht. Sie melden diese positive Regung ans Gehirn und wenn sie lange genug andauert, produziert unser Gehirn die notwendigen Botenstoffe welche das echte Gefühl Freude erzeugen. In diesem Falle dürften 1 bis 3 Minuten genügen, um den positiven Effekt zu erreichen, sehr gut investierte Zeit würde ich meinen.
Eine weitere Übung die keinen zusätzlichen Zeitaufwand erfordert, ist das aufrechte Gehen. Genau, du hast richtig gehört, auch der aufrechte Gang will neu erlernt sein. Da es unser Alltag sowieso notwendig macht, dass wir gehen, können wir auch darauf achten, WIE wir das tun. Vielleicht fängst du an, dich beim Gehen einfach mal zu beobachten. Wohin richtest du deinen Blick? Nach unten? Unruhig von einem Objekt zum anderen? Oder schaust du gedankenverloren vor dich hin? Bitte beobachte dich liebevoll, so wie du ein Kind beobachten würdest, welches gerade laufen lernt. Würdest du dieses Kind bei seinem Lernprozess beschimpfen oder ermutigen? Wenn du herausgefunden hast, wohin du normalerweise beim Gehen schaust, lade ich dich ein, etwas Anderes auszuprobieren. Du richtest deinen Blick zu einem Horizont. Ist dieser gerade nicht zu sehen, dann stell dir einen vor. Gerne am Meer oder in den Bergen oder an einem anderen Ort, wo du dich normalerweise sehr wohlfühlst. Nun gehe 10 Minuten mit Blick zu diesem Horizont und spüre anschließend in dich hinein, ob sich etwas verändert hat.
Dabei ist es sehr nützlich für deinen Weg zur Verkörperung, wenn du dieses Gefühl genau beschreiben kannst. Nicht nur: Es geht mir besser. Oder: Ich fühle mich hoffnungsvoller. Sondern: Wie fühlen sich deine Schultern an? Und dein Gesicht? Was spürst du in deinem Bauch? Wie geht dein Atem? Sind deine Hände geöffnet oder hast du sie zu Fäusten geballt? Was bemerkst du, wenn du deine Aufmerksamkeit in deine Beine und in deine Füße schickst? Dann bist du mit deiner Wahrnehmung wirklich in deinem Körper angekommen. Heraus aus dem Kopf, der nur denkt wie wir uns fühlen oder wie es uns geht. Herzlichen Glückwunsch! Ein wichtiger Schritt in ein erfülltes Leben!
Der aufrechte Gang bietet noch weitere Ressourcen für Schritte in ein selbstbestimmtes erfülltes Leben. Wenn du das mit dem Blick zum Horizont drauf hast, dann versuche doch mal ihn absichtslos über die Umgebung schweifen zu lassen. Und wenn er ab und zu bei deinen Füßen hängenbleibt, dann nimm ihn wieder liebevoll zum Horizont mit. Wie spürst du deinen Körper jetzt?
Beim nächsten Mal kannst du dich auf die Haltung deines Kopfes konzentrieren. Ist der Nacken nach hinten überstreckt? Oder hängt der Kopf eher nach vorn? Sind die Schultern verspannt nach oben gezogen oder fallen sie in Richtung Brustkorb? Oder fühlen sie sich irgendwie versteinert an? Um ein Gefühl dafür zu bekommen, hilft hier ein Blick in den Spiegel. Bitte ein liebevoller Blick. Denk an das Kind, welches gerade laufen lernt. Und das wird es viel schneller lernen mit einer wohlwollenden und geduldigen Begleitung.
Um deinem Gehirn das richtige Wohlfühl-Signal zu senden, sollte dein Kopf eine Position aufrecht in Verlängerung deiner Wirbelsäule finden. Dabei hilft es, dir einen Faden vorzustellen, der an deiner Kopfkrone befestigt ist und dich wie bei einer Marionette gerade nach oben zieht. Dein Kopf sollte sich dabei leicht anfühlen, eher ausbalanciert statt gehalten. Auch die Schultern müssen nichts halten, sie dürfen beim Ausatmen locker nach unten rutschen. Oder du stellst dir vor, eine Krone zu tragen. Du bist die Königin oder der König deines Lebens. Die richtige Kopfposition zu halten könnte sich am Anfang etwas ungewohnt anfühlen, denn die alten Bewegungsmuster wollen verlernt sein und schleichen sich erst nach und nach aus. Aber es lohnt sich definitiv. Denke beim Üben daran, dass dein Gehirn gerade von deinem Körper lernt, aufrecht durchs Leben zu gehen.
Falls dir das Ganze zu anatomisch klingt, kannst du den aufrechten Gang auch anders lernen. Du suchst dir ein Modell. Einen Menschen, der voller Selbstliebe durchs Leben geht. Wann immer er vor dir geht, ahmst du seinen Gang nach. Oder du schaust dir sein Bewegungsmuster in einem Video an und imitierst es später. Oder besser gesagt: Du verkörperst die Selbstliebe in deinem eigenen Gang.
Der positive „Nebeneffekt“: Mit jedem Schritt gewinnst du jetzt etwas von deiner Kraft und Energie zurück.

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