Ein Frühlingsmärchen

Für Claudia, die Medizinfrau


Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit ein Menschenvolk, das lebte glücklich in den Bergen. Tagsüber hüteten sie das Vieh auf den Weiden und abends saßen sie gemeinsam am Feuer. Während die Alten weise Geschichten erzählten und die Lieder der Ahnen sangen, tanzten die Jungen herum und übten sich mutig darin, übers Feuer zu springen. So ging es allen prächtig, bis eines Tages ein gefährlicher Drache das Land heimsuchte, der Angst und Schrecken verbreitete. Er überfiel die Tiere auf den Weiden und machte auch vor den Menschen nicht Halt.
Jeden Tag überbrachte jemand eine neue Schauergeschichte von den Gräueltaten des Drachens. Die Angst breitete sich aus wie ein Waldfeuer. So kam es dass die Menschen ihr Vieh auch tagsüber im Stall ließen, statt es auf die Weide zu treiben. Und abends trauten sich immer weniger ans Feuer heran, obwohl sich der Drache dort noch nie hatte blicken lassen. Bis die Menschen schließlich ganz in ihren Häusern blieben.
Doch ohne die Gemeinschaft wurden sie immer trauriger und hoffnungsloser. In den Familien gab es Streit und es war kein Nachbar da um zu schlichten. Die Kinder durften nicht mehr draußen spielen und ihre Freunde nicht mehr sehen. Selbst das Vieh im Stall wurde immer dünner, obwohl die Menschen es gut versorgten.
Das war ein trostloser Sommer, der unbemerkt von allen ins Land ging, ganz ohne die fröhlichen Erntefeste und ohne Lagerfeuer mit Gesang und Tanz. Der Herbst war kurz und stürmisch und der Winter wurde gnadenlos kalt. Wohlan, wer eine Großmutter hatte, die zu Hause am Ofen saß und alte Geschichten erzählte. In diesen Geschichten gab es ebenso gefährliche Drachen und andere Ungeheuer, aber am Ende siegten immer der Mut und die Menschlichkeit. So gaben die Märchen den Menschen eine winzige Hoffnung auf ein besseres Leben, welche sie den harten Winter überleben ließ.
Und endlich kam der Frühling über das Land. Die Natur zeigte sich in ihrer unbändigen Kraft. Frühblüher bahnten sich einen Weg durch die harte, noch gefrorene Erde. Knospen sprangen auf und millionenfach entfalteten sich farbenprächtige Blüten. Tiere erwachten aus ihrem Winterschlaf. Vögel sangen Lieder vom Neubeginn, sie verstummten nicht einmal in den Hagelschauern des Aprils.
Auch die Menschen kamen – ganz vorsichtig – wieder aus ihren dunklen Hütten hervor. Den Drachen hatte lange keiner gesehen, auch wenn die Geschichten über ihn noch sehr lebendig waren.
Doch die Menschen waren so ausgehungert nach Licht und Begegnung, nach Tanz und Gesang, nach ihren Freunden und dem unbeschwerten Leben, welches sie vor dem Drachen geführt hatten. Sie trafen einander auf dem neuen Grün der Wiesen, brachten Decken mit, Essen und Trinken und ihre Instrumente. Man hörte Kinderlachen und fröhliches Hundegebell. Menschen begrüßten einander mit Umarmungen, reichten sich die Hand und wendeten ihr Gesicht der Sonne zu.
Eine Frau mit bunten Kleidern und lebendigen Augen stimmte einen Ton an. Einen Ton der tief in ihrem Schoß vibrierte. Einen Ton, der wie eine Wahrheit nach außen drang. Wie eine Knospe, die sich endlich geöffnet hatte. Wie eine Träne, die sich endlich lösen durfte. Die Frau mit den lebendigen Augen schaute in erstaunte Gesichter, dann breitete sich auf den Gesichtern ein Erkennen in Form eines Lächelns aus. Nach und nach stimmten weitere Menschen in das Lied mit ein. Jeder sang seinen ureigenen Ton, der neu in ihm erwachte. Es entstand ein Frühlingslied aus tausenden Stimmen, aus den Klängen der Gitarre, des Akkordeons, der Geige und vieler anderer Instrumente. Gemeinsam trieben die Menschen den Winter aus, die Kälte und die Dunkelheit, die Starre und die Angst.
Und der Drache? Davon erzählen die alten Leute noch heute Geschichten. Sie erzählen, er hätte im Wald gelauert, als die Menschen aus ihren Hütten kamen. Er hatte vor, sie zu überfallen und wieder in die Hütten zurück zu treiben. Aber just in diesem Moment schaute er in ein Paar lebendige Augen und hörte einen Ton, wie er ihn noch nie gehört hatte. Ab diesem Augenblick der Geschichte gibt es verschiedene Varianten: Die einen sagen, er wäre vor dem Gesang geflüchtet. Die anderen sagen, der Gesang hätte ihn mild gemacht. Aber in einem Punkt waren sie sich alle einig: Lasst uns singen, denn wer singt, hat keine Angst mehr. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sitzen sie heute noch am Feuer, lachen, singen, tanzen und erzählen sich alte Geschichten.
Autor: Kerstin Rauch

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