Ich arbeite seit fast 20 Jahren mit Menschen mit Behinderung. Während meiner Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin und durch zahlreiche Ausbildungen und Seminare habe ich ganz verschiedene Methoden kennen gelernt, die wirkungsvolle Hilfe für Menschen mit schwerer Behinderung versprechen.

Beim Ausprobieren jeder neu erlernten Methode hat sich immer wieder folgende Erfahrung bestätigt: Weniger das, was ich mache, ist wichtig, sondern wie ich dem Menschen begegne, dem ich helfen will. Die Methode rückt zunächst in den Hintergrund. Das Aufbauen einer vertrauensvollen Beziehung zwischen zwei Menschen wird zur Grundlage jeder erfolgreichen Anwendung.

Entspannte Atmosphäre

Während meiner Arbeit im Förderbereich fand ich immer wieder zu Methoden, die keiner Sprache bedürfen und bei denen ich über körperliche Signale kommuniziere. Viele Menschen mit schwerer Behinderung sind sprachlich gehandicapt. Körperarbeit eröffnet uns einen Raum, in dem trotz dieser „Sprachbarriere“ eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe stattfinden kann.

Das Beherrschen verschiedener Massagetechniken bietet mir das Werkzeug, Menschen mit Bewegungsstörungen zu helfen. Aber nur, wenn sich meine Berührung für mein Gegenüber sicher anfühlt, kann sich auch sein Körper darauf einlassen. Nur dann kann z.B. eine Dehnmassage ein wirkungsvolles Mittel sein, um Muskeln zu entspannen, Gelenke zu dehnen und eine einseitigen Körperhaltung auszugleichen.

Also ist es wichtig, den richtigen Rahmen für Körperarbeit zu schaffen: Habe ich den richtigen Raum – ist er gut geheizt, ist es gemütlich und störungsfrei? Bin ich selbst entspannt und ruhig oder eher gestresst und unter Zeitdruck? Gebe ich meinem Gegenüber ausreichend Zeit, sich auf meine Berührung einzulassen? Fließt seine Atmung zu meiner Hand hin? Bin ich auch bereit, ein Nein zu akzeptieren?

Manchmal hilft mir dabei der obertonreiche Klang der Klangschale eine Atmosphäre zu schaffen, in der ich selbst offen bin und in der mein Gegenüber bereit ist, mir zu vertrauen und sich auf mein Angebot einzulassen.

Bei der Jahara-Methode, einer sehr sanften Art der Körperarbeit im Wasser, die sicheres Gehaltensein mit fließenden Bewegungen, Massageimpulsen und Dehnungen verbindet, hilft mir das warme Wasser dabei, eine Wohlfühlsituation zu kreieren. Die Verbindung von sicherem Gehaltensein und Freiheit beim Schweben im Wasser lädt dazu ein, sich neu zu spüren und neue Bewegungserfahrungen zu sammeln. Sie setzt positive Impulse für eine gute Körperhaltung, eine verbesserte Beweglichkeit, eine vertiefte Atmung und die emotionale Stabilität. Dabei entscheidet der Mensch mit Behinderung selbst, auf welche Erfahrung er sich einlässt.

Halt ohne einzuengen

Durch die Wasserarbeit gewann ich einen neuen Ansatz für meine tägliche Arbeit: Ich stelle mich besser auf den Menschen ein, der mir gegenüber steht, bin neugierig auf ihn. Ich probiere, was möglich ist. Was nicht funktioniert, verwerfe ich. Was sich gut anfühlt, baue ich aus. Die kostbaren Momente, in denen wir uns im Gleichgewicht befinden und ich völlig eins mit mir und meiner Umwelt bin, genieße ich! Ich gebe Unterstützung und Halt, ohne einzuengen.

Ich schaffe einen Raum, in dem der Mensch vor mir ganz er selbst sein kann und damit die Möglichkeit hat, sich zu entfalten. Ich achte auf die Signale seines Körpers und lasse diesen entscheiden, was gut für ihn ist. Das gibt ihm Vertrauen in seine eigene Kraft.

Beide können wachsen

Und: Es darf auch dem Helfenden gut gehen, Arbeit darf sich mühelos anfühlen, ich muss mich nicht aufopfern. Ich gestalte eine Begegnung zwischen zwei Menschen, in der wir beide wachsen.