Eine Traumreise ans Meer

Ein grauer Novembertag treibt dichte Regenwolken über das Meer. Ich stehe dick eingepackt in warmen Wollsachen am Strand und lausche mit geschlossenen Augen dem Rauschen der Wellen. Ein kräftige Briese weht mir um die Nase. Ich schmecke die würzige Luft und spüre das Salz auf meinen Lippen. Ich höre die Schreie der Möwen und ihre kräftigen Flügelschläge, mit denen sie gegen den Sturm ankämpfen. Wellen schlagen kraftvoll an den Strand.
Meine Gedanken gleiten wie von selbst in den Körper einer Möwe, ich breite meine Flügel aus und lasse mich vom Wind hinaus auf das offene Meer treiben. Der breite Sandstrand hinter mir verliert sich am Horizont und das Rauschen der Brandung ist kaum noch zu hören. Unter mir liegt jetzt nur noch tiefblaue Ewigkeit.
In der Ferne erkenne ich ein Fischerboot und schon kann ich Stimmen hören. Ein ganz altes Lied dringt zu mir empor und weckt tief in mir eine Erinnerung.
Eine Tür aus Kindertagen öffnet sich und helles Tageslicht fließt zu mir herein.
Vor mir steht ein weinendes Kind, von oben bis unten mit Schlamm bespritzt. Seine Tränen malen helle Streifen über das schmutzige Gesicht. Es versucht, seine Kleidung mit den Händen abzuwischen, aber das macht alles nur noch schlimmer. Voller Scham schaut es auf seine schmutzigen Hände herab und weint.
Da beuge ich mich hinunter und drücke das schmutzige Kind vorsichtig an mich. Ich streiche ihm tröstend über das verklebte Haar. Ich spüre, wie sein Herz schlägt und wie es in meinen Armen zu schluchzen beginnt.
Mit sanfter Stimme beginne ich zu sprechen: Das ist vollkommen in Ordnung. Du darfst schmutzig sein. Du bist wunderschön, genau so wie du gerade bist. Du darfst weinen, du darfst schreien. Ich bin für dich da.
Lange stehen wir in dieser zarten Umarmung da und atmen gemeinsam das Licht, welches uns umgibt. Ich halte das kleine wundervolle Wesen in meinen Armen, bis alle Tränen geweint sind und auf dem schmutzigen Kindergesicht ein Lächeln erscheint. Eine ungeahnte tiefe Wärme flutet meinen Körper. Auf einmal erkenne ich mich selbst in dem Kindergesicht vor mir und schließe dieses Bild fest in mein Herz ein.
Gemeinsam fliegen wir zum Strand unserer Träume zurück. Hand in Hand durch das warme Licht der untergehenden Sonne.

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